DIE FARBEN DES REGENBOGENS - Tätigkeitsbericht 2018
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DIE FARBEN DES REGENBOGENS

Von Sven Goldmann

An inzwischen 15 Standorten verbindet das Projekt „Fußball trifft Kultur“ Sport und Bildung. Davon profitieren bundesweit knapp 600 Kinder. Eines von ihnen ist Efe aus Gelsenkirchen. 

Gegen Ende der zweiten Halbzeit malt Efe ein Bild. Es ist kurz vor vier, der Schultag war lang und anstrengend, aber Efe lässt seine Buntstifte mit ungebremster Leidenschaft über das Papier sausen. Schwarz und Orange, bloß nicht Gelb, das wäre fatal, obwohl es ganz gut passen würde für den Leoparden, der da am Entstehen ist. „Warum malst du einen Leoparden?“, fragt die Lehrerin Bernadetta Lamch. „Weil er schnell ist, genauso wie ich!“ Und warum Orange statt Gelb? Efe verdreht die Augen.

Na klar, wir sind hier in Gelsenkirchen, genauer gesagt im Stadtteil Schalke, Heimat eines nicht ganz unbedeutenden Fußballvereins, dessen Spieler bevorzugt Königsblau tragen. Schwarz und Gelb sind die Farben der Konkurrenz aus der benachbarten Stadt Dortmund.

Efe Öztas ist elf Jahre alt und besucht die vierte Klasse der Schalker Regenbogenschule. „Natürlich ist Schalke mein Verein“, sagt er, obwohl auch Barcelona ganz okay sei, vor allem Lionel Messi. Efe trägt Sportkleidung. Wie an jedem Dienstag und Donnerstag zwischen 14 und 16 Uhr, wenn die Schule eigentlich schon vorbei ist und doch erst richtig losgeht, für Efe und seine Freunde Mubarak, Enrico, Baschar oder Arda. 30 Jungen und Mädchen. Alle sind sie Teil des Projektes „Fußball trifft Kultur“ der LitCam, einer gemeinnützigen Tochter der Frankfurter Buchmesse. Das Programm wird von der DFL Stiftung gefördert und gemeinsam mit lokalen Fußballclubs umgesetzt. Im Falle der Regenbogenschule handelt es sich dabei nicht ganz überraschend um den FC Schalke 04, der dafür seinen Talentsichter Marc Gebler abstellt.

Seit 2007 widmet sich das Projekt an nunmehr 15 Standorten insbesondere sprachlich förderungsbedürftigen Kindern. Eine Halbzeit Fußball, eine Halbzeit Kompetenzförderung, Deutsch oder Kunst, gern beides zusammen, manchmal kommt auch Mathematik dazu. Marc Gebler ist seit zehn Jahren dabei, und Bernadetta Lamch macht den Job jetzt auch schon im siebten Jahr. Eine ruhige Frau mit fester Stimme, sehr wichtig, wenn es zur fortgeschrittenen Schulstunde darum geht, den aufgedrehten Kindern näherzubringen, dass Verben und Adjektive durchaus ihren Reiz haben, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht ganz so aufregend erscheinen wie Flanken und Dribblings. „Mit Fußball bekommst du die Kinder“,  sagt die Lehrerin, „mit Deutsch und Kunst ist das nicht ganz so einfach.“

Mit Fussball bekommst du die Kinder, mit Deutsch und Kunst ist das nicht ganz so einfach.

Bernadetta Lamch, Lehrerin

Bernadetta Lamch ist vor 30 Jahren aus Polen nach Gelsenkirchen gezogen. Ihr Vater war Bergmann, klassische Schalker Geschichte, schon in den 20er-Jahren des 19. Jahrhunderts kam hier jeder dritte Kumpel aus Schlesien. Schalke war damals ein Arbeiterbezirk, heute gestalten sich die Dinge schwieriger. „Ich will nicht sagen, dass das hier eine Brennpunktschule ist, aber wir haben schon einige Probleme“, sagt Bernadetta Lamch. Die Schülerinnen und Schüler haben zu 80 Prozent einen Migrationshintergrund, einige kommen aus sozial schwierigen Verhältnissen, andere tun sich mit der Sprache schwer. „Da ist unser Projekt schon sehr hilfereich“, etwas für Schüler wie Efe. Ein drahtiges Bürschchen mit langen Beinen und schwarzem Haar, eine widerspenstige Locke fällt ihm ins Gesicht.

Bernadetta Lamch kennt Efe seit der ersten Klasse. „Ein liebenswertes Kind, aber am Anfang noch sehr unreif“, die zweite Klasse musste er wiederholen. Seine Mutter hat ihn früh beim Nachbarklub Erle 08 angemeldet, „schon als kleines Kind hat er sich beim Fußball sehr gut angestellt. Aber er war so schüchtern und hat sich kaum getraut, mit den größeren Jungs zu spielen.“ Als Efe neu im Projekt war, wollte er nicht mal mit auf die Abschlussfahrt, und die ist alljährlichder Höhepunkt im Schulleben der 30 Dritt- und Viertklässler, die mitmachen dürfen. Immer im Mai oder Juni verbringen sie ein gemeinsames Wochenende an einem der 15 Projektstandorte, mit großem Turnier, abendlicher Filmvorführung und gemeinsamem Übernachten.

Efe hat sich dann doch überreden lassen und nicht mal daran gestört, dass es zu seine Premiere ausgerechnet nach Dortmund ging. Um kurz nach zwei geht es los. Bernadetta Lamch teilt die 30 Schüler in zwei Gruppen. Die Jüngeren widmen sich unter ihrer Aufsicht zunächst dem kulturellen Teil. Efe und die anderen dürfen unter Marc Geblers Aufsicht erst einmal gegen den Ball treten. Sie haben Glück, dass der für diesen Dienstag angekündigte Regen ausbleibt. Sonst wäre die Fußball-Halbzeit beim dienstäglichen Projekt vielleicht ausgefallen, denn die Schulturnhalle wird zurzeit saniert, und die Aula, in die Marc Gebler zuweilen ausweicht, ist auch nicht immer frei. Dass der Sportplatz gerade gesperrt ist – macht nichts, die Kinder stellen zwei provisorische Tore auf die Steinplatten des Schulhofes, wo sonst Basketball gespielt wird. „Der Boden ist nicht optimal“, sagt Gebler. „Aber uns war das doch früher auch egal, wo wir gekickt haben. Hauptsache, wir hatten einen Ball.“ Den rückt er bereitwillig, heraus, aber nicht nur zum Spielen.

AUSGLEICH: Beim Fußball werden die Kinder überschüssige Energie los und können sich austoben. Das hilft Efe und seinen Kameraden, sich im Unterricht zu konzentrieren.
MOTIVATION: Bernadetta Lamch nutzt fußballnahe Themen, um Efe und seiner Klasse die Lehrinhalte näherzubringen.

Efe, Mubarak, Enrico und die anderen müssen durch Stangen und Ringe tanzen, koordinatorisch höchst anspruchsvoll, und wenn sie endlich den Mittelkreis erreicht haben, ruft ihnen der Trainer ein Stichwort zu. „Singen!“ Adjektiv oder Verb? Nur wer Bescheid weiß, kann mit dem Ball das richtige Tor ansteuern. Links geht’s zum Adjektiv, rechts zum Verb. Beim nächsten Mal diktiert er kleine Rechenaufgaben, keines der Kinder beschwert sich, solange sie nur den Ball am Fuß führen dürfen. Efe streichelt ihn bevorzugt mit rechts, und natürlich beherrscht er auch den Zidane: mit der einen Sohle den Ball touchieren und mit der anderen hinterher, dabei einmal um die eigene Achse drehen. Beim nächsten Mal täuscht er in der Mitte an und geht außen an Mubarak vorbei. Exakt so, wie das die Schalker Legende Stan Libuda früher gemacht hat, der große Flügelstürmer aus den 60ern, von dem sie auf Schalke gesagt haben: An Gott kommt keiner vorbei – außer unser Stan Libuda!

Im Projekt gibt es den Fußball nur in der Verbindung mit der Kultur.

Bernadetta Lamch, Lehrerin

Die Fußball-Halbzeit geht wie immer viel zu schnell vorbei. Egal, nichts wie hoch ins Klassenzimmer, sonst gibt es Ärger mit der Lehrerin. „Im Projekt gibt es den Fußball nur in der Verbindung mit der Kultur“, sagt Bernadetta Lamch. „Das wissen die Kinder, und daran halten sie sich auch.“ Denn natürlich hat es aus Erzählungen der älteren Jahrgänge die Runde gemacht, welche Konsequenz im Falle eines Kultur-Boykotts droht: Dann ist es beim nächsten Mal mit dem Fußball vorbei, und es gibt nur Förderunterricht. Bernadetta Lamch und Marc Gebler, beide 34 Jahre alt, sind ein eingespieltes Team. Efe spurtet also die Treppen hoch, so schnell wie ein Leopard, mindestens. Sein Platz ist ganz vorn, wie auch beim Fußball, „offensives Mittelfeld oder Sturm“ wie Nabil Bentaleb oder Lionel Messi. Dafür, dass da 15 Kinder gerade noch über den steinernen Schulhof gedribbelt und gegrätscht sind, geht es erst einmal überraschend ruhig zu. Bernadetta Lamch will über Maskottchen reden. „Könnt ihr euch darunter etwas vorstellen?“ Hmm. „So eine Art Tier, das auf seinen Verein aufpasst?“ Gar nicht so schlecht! Bernadetta Lamch nickt, sie kreist den Begriff immer näher ein und präsentiert schließlich ein erstes Clubmaskottchen vorn auf dem Smartboard. „Wisst ihr, wer das ist? Und von welchem Verein?“ Allgemeines Gejohle. Na klar! Erwin! Ein königsblaues Bergmännchen, treuer Beschützer der Schalker Fußballer.

Es wird jetzt ein bisschen lauter im Klassenraum. „Kein Wunder“, sagt Bernadetta Lamch, „Sie dürfen nicht vergessen, dass die Schülerinnen und Schüler schon seit sieben Stunden hier sind. Neue Maskottchen flimmern über das Whiteboard. Ein Drache aus Ingolstadt, ein Wolfsburger Wolf, selbst Emma, die schwarz-gelbe Biene aus Dortmund. Den schönsten Zuruf bekommt Attila, ein leibhaftiger Adler: „Der spielt bei Eintracht Frankfurt!“

Bald ist die Fantasie der Kinder derart beflügelt, dass sie reif sind für den krönenden Abschluss der zweiten Halbzeit. Bernadetta Lamch fragt in die Runde: „Wollt ihr für unser Projekt ein eigenes Maskottchen malen?“ Zur Antwort ertönt, wie früher bei den ganz Kleinen im Kasperletheater, ein langezogenes „Jaaaaaa!“ 15 Kinder machen 15 verschiedene Vorschläge, darunter die Klassiker Löwe, Tiger, Leopard. Interessanterweise will einer auch eine Ziege malen, „weil sie so stur ist wie wir!“ Bernadetta Lamch freut sich über die lebhafte Diskussion und darüber, dass einer sagt, das Maskottchen möge doch bitte die Farben des Regenbogens bekommen. „Weil unsere Schule so heißt! Und weil wir aus so vielen verschiedenen Ländern kommen!“

Laut und fröhlich geht die kulturelle Halbzeit in der bunten Schalker Regenbogenschule zu Ende. Efe malt seinen schwarz-orangenen Leoparden, aber da kommt auch schon die Mama, um ihn abzuholen. „War ein toller Tag“, ruft er seiner Lehrerin zu. Schön, dass bald schon Donnerstag ist, eine neue Einheit Fußball und eine neue Einheit Kultur, da malt er ganz bestimmt das Maskottchen zu Ende, großes Schalke-Ehrenwort! Efe, der kleine schüchterne Junge, der früher Angst vor den größeren Jungs hatte und die zweite Klasse wiederholen musste, wird zum kommenden Schuljahr eine Empfehlung für das Gymnasium erhalten.

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