HORIZONTE ERWEITERN - Tätigkeitsbericht 2018
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HORIZONTE ERWEITERN

Von Maximilian Türck

Mehr als 45.000 Jugendlichen hat „Lernort Stadion“ bereits politische Bildung vermittelt. So vielfältig wie die im Projekt behandelten Themen sind die Mädchen und Jungen, die daran teilnehmen. In Müngersdorf lernensie den Inklusionspaten Markus Rehm und den Kurator Wolfgang Niedecken kennen.

Es ist kalt. Der Januarhimmel ist wolkenverhangen und grau. Wolfgang Niedecken friert, hat aber gute Laune. Dass er in Begleitung seiner Frau Tina ist, trägt sicher dazu bei. Vielleicht ist es aber auch die vertraute Umgebung, über die er sich freut. Müngersdorf, Rhein- EnergieSTADION. Hier schlägt das Herz der Kölner Fußballfans. Zu ihnen zählt sich der BAP-Frontmann, seit er denken kann. „Der FC“ ist sein Club. War es immer. Wie oft er schon im Stadion war, vermag er gar nicht mehr zu sagen.

Wolfgang Niedeckens Schal ist blau-türkis, nicht rotweiß. Ausnahmsweise ist er heute einmal nicht als Fußballfan zum Stadion gekommen. Er ist als Kurator der DFL Stiftung hier. Seit Juni 2017 bietet diese ihr Projekt „Lernort Stadion“ auch in Köln an, Träger ist das sozialpädagogische Kölner Fanprojekt. Es richtet sich an Jugendliche, die vorwiegend Haupt-, Real- und Förderschulen besuchen. Der faszinierende Lernort Fußballstadion motiviert sie, sich mit politischer Bildung zu befassen. Toleranz, Gewaltprävention, Diskriminierung – all diese Themen stehen auf der Tagesordnung und noch viele mehr. Der Rockmusiker findet das spannend: „Ich wollte mir das unbedingt einmal ansehen und meine eigenen Erfahrungen einbringen.“

Ein flüchtiger Blick nach rechts. Durch die Fenster des Fanshops sind Trikots, Fahnen und Trainingsanzüge zu sehen. Dann betritt Wolfgang Niedecken die Museumsloge des Stadions. Zwölf Jugendliche warten bereits auf ihn, inmitten von Pokalen und Fotos früherer Vereinshelden. Der BAP-Frontmann sagt Hallo, stellt sich vor. Schnell wird klar: Kölschrock kennen die 14- bis 18-Jährigen nur vom Hörensagen. „Heute haben wir einen echten Rockstar bei uns“, sagt Diplom-Sozialpädagoge Carsten Blecher. Mit seiner Kollegin Nina Brunnenberg teilt er nicht nur den Beruf, sondern auch die heutige Projektleitung. Sie sind vom Kölner Fanprojekt, das für den Lernort in Müngersdorf verantwortlich ist. Die Jugendlichen sind sichtlich beeindruckt, werden etwas schüchtern. Das bleibt nicht lange so.

Schnell ist Wolfgang Niedecken Teil der Gruppe und diskutiert auf Augenhöhe. Es gehört zu seinen menschlichen Qualitäten, jedem mit Wertschätzung und Respekt zu begegnen. „Soziale Kompetenz“ nennen das die beiden Sozialpädagogen. Nina Brunnenberg und Carsten Blecher erklären den nächsten Programmpunkt. Der Raum wird in zwei Hälften eingeteilt. Jede von ihnen erhält eine Bedeutung. Die eine wird zur „Ich“-Seite, die andere zur „Ich nicht“-Seite. Zwei entsprechend beschriftete Schilder markieren die beiden Territorien. Jetzt stellen Nina und Carsten Fragen: „Wer von euch ist ein Fan des 1. FC Köln?“ Die große Mehrheit bewegt sich Richtung „Ich“-Seite. Einer der wenigen, der nicht dabei ist, ist Markus Rehm. Der Paralympicssieger besucht heute ebenfalls „Lernort Stadion“. Auch das hat mit der DFL Stiftung zu tun. Er ist ihr  Inklusionspate. Auf der „Ich nicht“-Seite steht er, weil er für Bayer 04 Leverkusen die Laufschuhe schnürt, einen Lokalrivalen des 1. FC Köln.

„Wer von euch kann gut singen?“ Großes Gelächter, denn auch Wolfgang Niedecken möchte das nicht von sich behaupten, steht mit allen anderen in der „Ich nicht“-Hälfte. Er erklärt, schon zu viele brillante Sängerinnen und Sänger in seinem Leben kennengelernt zu haben, um sich zu ihnen zählen zu können. Im Raum ist es still. Und doch spürt, ja hört man förmlich, was die Jugendlichen denken. Sie haben zwar gerade keinen BAP-Hit im Ohr, möchten dem Kölschrocker aber widersprechen. Wieder erteilt ihnen Wolfgang Niedecken eine Lektion in sozialer Kompetenz. Sie nennt sich Bescheidenheit. „Wer von euch springt weiter als acht Meter?“ Klar, jetzt steht Markus Rehm alleine. Seine Bestleistung liegt bei 8,48 Meter – Weltrekord. „Wer trägt eine Prothese?“ Stille. Wieder keine Gesellschaft für den Para-Leichtathleten. Die Mädchen und Jungen staunen. Carsten Blecher grinst. Sein Plan ist aufgegangen. Er bittet alle in einen Sitzkreis. Dort krempelt Markus Rehm sein rechtes Hosenbein nach oben. Er entfernt zwei Socken, mit denen er seinen Schuh an der Stelle ausgestopft hat, an der sich bei den Jugendlichen der rechte Knöchel befindet. „Mit 14 hatte ich einen Unfall beim Wakeboarden“, erzählt er. „Mein rechter Unterschenkel ist in die Bootsschraube geraten. Er musste amputiert werden.“ Nach kurzer Betroffenheit beginnt die Fragerunde. Wie das denn so sei ohne zweiten Unterschenkel, ob die Prothese Schmerzen bereite und wie man eine solche bekäme. Alle Fragen werden beantwortet. Dann greift Markus Rehm in seine Tasche. Er hat etwas mitgebracht: eine seiner beiden paralympischen Goldmedaillen. Sie geht reihum. Jeder darf sie einmal anfassen. Markus erklärt, dass die Medaillen mit kleinen Stahlkugeln gefüllt sind. Und das hat einen guten Grund. Anhand des Geräusches können auch Sehbehinderte und Blinde erkennen, ob man ihnen die richtige Medaille überreicht hat. 16 Kugeln sind in der Bronze-, 20 in der Silber- und 28 in der Goldmedaille. Die goldene rasselt am lautesten. Die Jugendlichen sind fasziniert. Sie hängen an Markus Rehms Lippen. Fernab von Medaillen und verknüpft mit seiner eigenen Geschichte hat er eine wichtige Botschaft für sie: „Trotz eines Hindernisses im Leben könnt ihr unglaublich viel erreichen.“

Von einem Menschen mit Behinderung hatten die Mädchen und Jungen bislang ein etwas anderes Bild, jeder sein eigenes. „Lernort Stadion“ erweitert den Horizont. Das geschieht auch durch die nächste Übung. Teilweise provokante Aussagen sollen per Ampelsystem bewertet werden. „Verstehst du das nicht? Bist du behindert?“ erhält von den Jugendlichen die rote Ampel. Beleidigend, ist der allgemeine Tenor. Bei jeder der nun diskutierten Aussagen findet ein Perspektivwechsel statt. Die Jugendlichen versetzen sich in Situationen und Menschen hinein, die mit beleidigenden Äußerungen und Handlungen konfrontiert werden. Das schafft Verständnis. „Das in seine eigenen Erfahrungen mit aufzunehmen, bringt einen richtig weiter“, sagt Wolfgang Niedecken. Auch anderen Argumenten gegenüber nicht verschlossen zu sein, sei von großer Bedeutung.

Und tatsächlich: An manchen Stellen wird nun kontrovers diskutiert. Meinungen treffen aufeinander. Es ist dieser offene Austausch, der ihm gefällt. „Mit Leuten reden, ins Gespräch kommen – das macht Spaß“, sagt er. „Ergebnisoffen zu diskutieren, halte ich für sehr wichtig.“ Mit Unterstützung der DFL Stiftung geschieht das bereits an bundesweit 17 Standorten (Stand: Juni 2018). Sie werden vom Lernort Stadion e.V. als professioneller Dachorganisation organisiert und beraten. Seit Januar 2018 greift dem Verein auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unter die Arme. Über dem RheinEnergieSTADION reißt die Sonne ein Loch in die Wolkendecke. Sonnenstrahlen fluten die rot-weißen Ränge. In der Museumsloge wird es ein bisschen heller. Carsten Blecher bedankt sich bei den Jugendlichen, Markus Rehm und Wolfgang Niedecken, der am Ende dann doch ein bisschen enttäuscht ist: „Es hätte ruhig noch eine Stunde länger dauern können.“

HOHER BESUCH: Wolfgang Niedecken (mitte), Kurator der DFL Stiftung und Markus Rehm (rechts), Pate der DFL Stiftung, besuchen Lernort Stadion.

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