SERVICELEISTUNG MIT HERZ - Tätigkeitsbericht 2018
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SERVICELEISTUNG MIT HERZ

Von William Harrison-Zehelein

Michael „Charly“ Mildenberger ist Behindertenfanbeauftragter bei der TSG Hoffenheim. Mit seinem „Team Barrierefrei“ sorgt er bei jedem Heimspiel dafür, dass Fans mit Behinderung ein ganz besonderes Stadionerlebnis haben können. Eine große Hilfe ist dabei auch der Bundesliga- Reiseführer „Barrierefrei ins Stadion“.

Ein bitterkalter Samstag im Dezember vor dem barrierefreien Eingang Südost der WIRSOL Rhein-Neckar-Arena in Sinsheim: Das Thermometer zeigt -1 Grad Celsius an – doch die warmen Worte, mit denen Michael Mildenberger, Behindertenfanbeauftragter der TSG Hoffenheim, vor dem Spiel seines Clubs gegen Borussia Mönchengladbach die ankommenden Fans begrüßt, lassen einen die Eiseskälte vergessen.

„Mensch! Schön, dich wiederzusehen!“, begrüßt Michael Mildenberger, den sie in Hoffenheim alle nur „Charly“ nennen, einen Rollstuhlfahrer, dazu gibt es eine innige Umarmung. Dieser Vorgang wiederholt sich mehrmals: Mal umarmt er eine Rollstuhlfahrerin, mal gibt er einem gehörlosen Fan einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter oder streichelt einem sehbehinderten Anhänger zur Begrüßung den Unterarm. Die gegenseitige Wertschätzung zwischen ihm und den Fans ist zu spüren.

Michael Mildenberger, der diese Tätigkeit ehrenamtlich ausübt und sonst als Heilerziehungspfleger in Vollzeit arbeitet, weiß mit Menschen umzugehen – ganz egal ob sie eine Behinderung haben oder nicht. „Letztendlich haben wir doch alle irgendein Handicap – der eine mehr, der andere weniger“, sagt er nachdenklich Der 53-jährige Kraichgauer mit dunkelblondem Haar und einem stets freundlichen Gesichtsausdruck blickt auf 30 Jahre Erfahrung in der Arbeit mit behinderten Menschen zurück. Er lebt und liebt diesen Job. Sein Ziel: Jedem Fan mit Behinderung im Rahmen seines Stadionbesuches möglichst viel möglich machen.

BEGEISTERUNG: Jürgen Döringer und die Fans der TSG Hoffenheim feuern ihre Mannschaft an und erleben das Spiel gegen Borussia Mönchengladbach voller Emotionen.

Menschen suchen Gemeinsamkeiten, die sie verbinden. Fußball ist hier ein toller Brückenbauer für die Gesellschaft.

Michael 'Charly' Mildenberger, Behindertenbeauftragter der TSG Hoffenheim

SERVICE: Der Bundesliga-Reiseführer "Barrierefrei ins Stadion" bietet Informationen rund um den Stadionbesuch für alle Fußballfans.

Die Fußballprofis legen um 15.30 Uhr los, der Spieltag des Michael Mildenberger startet schon vormittags mit der Koordination des Ticketing für Fans mit Behinderung. Gegen Mittag fährt er zum Stadion und bereitet mit seinem aus sechs Leuten bestehenden „Team Barrierefrei“ in einem kleinen Stadionbüro unter anderem die Verteilung der Heizdecken, der Teekannen und der Headsets für blinde und sehbehinderte Fans vor. Insgesamt versorgen Michael Mildenberger und sein Team, dem auch eine Rollstuhlfahrerin und eine Seelsorgerin angehören, im Sinsheimer Stadion 40 Rollstuhlfahrerplätze, neun Sehbehindertenplätze und zwölf Plätze für Gehörlose und psychisch kranke Menschen – und die Nachfrage steigt. „Der demografische Wandel zeigt sich auch hier: Immer mehr ältere, gehbehinderte Menschen wollen mit ihren Rollstühlen und Rollatoren ins Stadion und am Fußball teilhaben“, erklärt Mildenberger.

Etwa zwei Stunden vor Spielbeginn besetzt er seinen Posten am barrierefreien Eingang Südost, um die ankommenden Fans in Empfang zu nehmen und gegebenenfalls Tickets zu verkaufen oder einzutauschen. Eine Rollstuhlfahrerin zeigt ihm ihre Karte für einen Sitzplatz in der für sie ungünstig gelegenen Reihe 22. Das ist heute kein Problem: Michael Mildenberger sorgt dafür, dass die Frau einen zufällig frei gewordenen Platz im Rollstuhlfahrerbereich bekommt. „Eine Serviceleistung“, sagt er. Wenn alle Fans ihre Plätze eingenommen haben und das Spiel begonnen hat, geht er durch die Stadionreihen und verteilt auf den Sonderplätzen dampfenden Tee und wärmende Heizdecken. Ein Angebot, das gerade heute liebend gerne in Anspruch genommen wird.

Auch Jürgen Döringer bekommt einen Tee im Pappbecher serviert. Der 52-Jährige sitzt seit einem Skiunfall vor elf Jahren im Rollstuhl und hat seit vielen Jahren eine Dauerkarte im Rollstuhlfahrerbereich. Sein Stadionerlebnis habe sich seit seiner Behinderung natürlich verändert: „Ich bin abhängiger geworden. Aber schlechter ist das Erlebnis im Stadion deshalb nicht – halt eben etwas anders.“ Döringer weiß die Arbeit von Michael Mildenberger zu schätzen. „Was der Charly mit seinem Team hier leistet, ist großartig“, sagt er. Es werde für behinderte Fans nahezu alles möglich gemacht. „Generell wird im deutschen Profifußball eine sehr gute Inklusionsarbeit geleistet. Ich habe in Deutschland noch kein Stadion erlebt, das für Rollstuhlfahrer völlig ungeeignet wäre“, stellt Döringer anerkennend fest.

Wenn Menschen wie Michael Mildenberger nicht gerade verfügbar sind, nutzt Döringer den von der DFL Stiftung initiierten Bundesliga-Reiseführer „Barrierefrei ins Stadion“. Online ist der in Kooperation mit der Aktion Mensch und der BundesBehindertenfan-ArbeitsGemeinschaft stetig weiterentwickelte Service unter www.barrierefrei-ins-stadion.de verfügbar. Der Reiseführer richtet sich insbesondere an Menschen mit Behinderung und bietet die wichtigsten Informationen vom Ticketerwerb über die Anreise bis hin zur Lage der Rollstuhlfahrer-, Blinden- und Sehbehindertenplätze in den Stadien der Bundesliga, 2. Bundesliga und 3. Liga. „Gerade bei Auswärtsfahrten ist der Reiseführer mir eine sehr große Hilfe“, sagt Döringer. Hierzu muss er nur zum Smartphone greifen und das jeweilige Stadion auswählen – schon hat er alle Informationen, die er für seinen Stadionbesuch braucht.

Der Reiseführer bietet unter anderem auch Kontaktdaten von Club-Ansprechpartnern, Stadionpläne und verschiedene Tipps zu Hotels, Restaurants und Kneipen in der Gegend und ist somit für jeden Fußballfan – mit oder ohne Behinderung – von Nutzen. In der Saison 2017/18 haben mehr als 63.000 Menschen das Angebot genutzt und die Internetseite besucht – rund 8.000 mehr als in der Spielzeit zuvor. Seit Januar 2017 gibt es den Reiseführer auch in „Leichter Sprache“ für Menschen mit geistiger Behinderung sowie mit Hörservice für blinde und sehbehinderte Fans.

"TEAM BARRIEREFREI": Michael Charly Mildenberger ist Behindertenfanbeauftragter bei der TSG Hoffenheim. Mit seinem Team sorgt er dafür, dass Fans mit Behinderung ein ganz besonderes Stadionerlebnis haben können.
WÄRMESPENDER: Vor Ort kümmern sich Gisela Hartmann und Michael Mildenberger mit ihren Kolleginnen und Kollegen um das Wohl der Fans.

Ein paar Fanblöcke weiter drückt die Gebärdendolmetscherin Jacqueline Götz, eine Kollegin von Michael Mildenberger im „Team Barrierefrei“, bei einer Einwechslung der TSG auf einen Knopf eines Mobilgerätes, das sie in ihrer Hosentasche bei sich trägt. Dieser Knopfdruck bewirkt, dass Fans mit Hörbehinderung per Vibrationsgerät angeregt werden, auf die Videoleinwand zu schauen, auf der sie sehen können, welcher Spieler aufs Feld kommt. Dasselbe macht Götz auch bei Entscheidungen des Videoassistenten und bei Zwischenständen aus anderen Stadien – also bei allen wichtigen Informationen, die auf dem Monitor angezeigt werden und die ohne Vibrationsalarm von gehörgeschädigten Fans verpasst werden könnten.

Wenige Reihen daneben sitzen die blinden und sehbehinderten Fußballfans, die von einer weiteren Kollegin Mildenbergers, der 72-jährigen Gisela Hartmann, mit Headsets versorgt werden. Mithilfe dieser Geräte können sie sich eine eigens für sie und ihre Bedürfnisse gesprochene Live-Reportage von intensiv geschulten Blindenreportern anhören. Dabei werden alle relevanten Geschehnisse auf und neben dem Platz für die Hörerinnen und Hörer detailliert und lebhaft beschrieben. „Wir versuchen, jedem Fan in irgendeiner Form gerecht zu werden“, sagt Michael Mildenberger.

Die hohe Qualität dieser Live-Reportage, die flächendeckend in allen 36 Stadien der Bundesliga und 2. Bundesliga angeboten wird, geht maßgeblich auf das von der DFL Stiftung und der Aktion Mensch geförderte Zentrum für Sehbehinderten- und Blindenreportage „T_OHR“ der AWO-Passgenau zurück. Von der Festlegung von Qualitätsstandards, über die Herausgabe von Handbüchern bis hin zur geplanten Entwicklung einer Zertifikatsreihe für Blindenreporter ist das Kompetenzzentrum bestrebt, die Qualität der Sehbehinderten- und Blindenreportage in Deutschland zu sichern und auszubauen.

In Sinsheim ertönt der Schlusspfiff. Headsets, Vibrationsgeräte und Heizdecken werden von Michael Mildenberger und seinem Team wieder eingesammelt. Die TSG Hoffenheim kam trotz überlegenem Spiel gegen Borussia Mönchengladbach über ein torloses Remis nicht hinaus. Michael Mildenberger hat vom Spiel nicht allzu viel mitbekommen – aber das scheint ihn wenig zu stören. Dem dreifachen Vater geht es bei jedem Heimspiel um eine viel größere Sache: die Integration und Teilhabe der Menschen am Fußball. „Menschen suchen Gemeinsamkeiten, die sie verbinden. Fußball ist hier ein toller Brückenbauer für die Gesellschaft“, sagt er. Diese Überzeugung gebe ihm die Kraft und den Antrieb für seine durchaus fordernde und zeitintensive Tätigkeit. Und er sieht, dass sich etwas bewegt: „Es hat sich in den vergangenen Jahren eine große Offenheit und Bereitschaft gegenüber behinderten Menschen entwickelt. Das bestätigt einen und zeigt: Wir sind hier in Deutschland auf einem sehr guten Weg.“ Es ist ein Weg, über den viele von ihm gebaute Brücken führen – und ein Weg, der noch lange nicht zu Ende ist.

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