VON MOSSUL BIS DARMSTADT - Tätigkeitsbericht 2018
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VON MOSSUL BIS DARMSTADT

Von: Maximilian Türck

Im Jahr vor der großen Flüchtlingsbewegung nach Europa stößt die DFL Stiftung 2014 ein Projekt an. „Willkommen im Fußball“ unterstützt junge Geflüchtete bei ihrer Integration in die Gesellschaft. Einer von ihnen ist Hisham aus dem Irak. Dies ist seine Geschichte.

„Fußball ist mein Leben“, sagt Hisham Jameel. Und tatsächlich hat der Fußball sein noch junges Leben entscheidend geprägt. Das Projekt „Willkommen im Fußball“ hat ihm geholfen, in einem neuen Land mit einer ihm unbekannten Kultur und nicht vertrauten Sprache Fuß zu fassen. Aber der Reihe nach. Denn obwohl erst 23 Jahre alt, hat Hisham bereits eine bewegte Lebensgeschichte. 1995 wird er in Mossul im Irak geboren. Sechs Jahre später erfolgt die Einschulung. Hisham ist ein guter Schüler. Mit 18 Jahren macht er sein Abitur, ohne eine Ehrenrunde gedreht zu haben. Er beginnt ein Informatikstudium. Schnell merkt er, dass er auf das falsche Pferd gesetzt hat.

Aber für einen Kurswechsel ist es ja noch nicht zu spät. Diesen vollzieht er wenig später. Hishams Leidenschaft gilt dem Sport. Wer ihn gut kennt, ist über die Wahl seines neuen Studienfaches nicht überrascht. Nach einem Semester Informatik wechselt er zur Sportwissenschaft. Trotz des kleinen Umweges ins Reich der Nullen und Einsen: Hishams Bildungspfad verläuft geradlinig und ist frei von größeren Hindernissen. Auch familiär gibt es nichts zu beklagen. Hishams Eltern sind fürsorglich und liebevoll. Zu seiner Schwester hat er ein inniges Verhältnis.

2016 ist Hisham 21 Jahre alt. Mord, Gewalt und Chaos – um Familie Jameel herum tobt der Krieg. Wenig erinnert noch an ein geordnetes Leben. Bombenanschläge, bewaffnete Auseinandersetzungen und Folter sind im Irak an der Tagesordnung. Das Land ist gespalten. Sunniten, Schiiten, Kurden – jeder hat sein eigenes Territorium. Nahezu täglich werden Völkerrecht und Menschenrechte missachtet. Das irakische Volk leidet. Hisham lebt in Angst. Im Irak sieht er keine Zukunft für sich, weiß nicht, wie es weitergehen soll.

KRAFTPAKET: Auf der Flucht vor Gewalt und Angst durchquerte Hisham sieben Länder, um vom Irak nach Deutschland zu gelangen. Sein Wille und seine positive Einstellung haben ihm geholfen, in seiner neuen Heimat anzukommen.

„Ich fühlte mich nicht sicher“, sagt er heute. Hisham sitzt auf einem Stuhl in seiner Wohnung in Darmstadt. Deutschland – das war sein Sehnsuchtsland, als er im von Kämpfen gebeutelten Irak lebte. Sicherheit, Ordnung und guter Fußball. Hisham ist ein Fan der deutschen Spielweise. Er bewundert die gute Nachwuchsarbeit. Dass deutsche Proficlubs Leistungszentren zur Entwicklung junger Spieler haben, hat sich bis in den Irak herumgesprochen.

Das Projekt hilft mir, mich in die Gesellschaft zu integrieren.

Hisham Jameel

Seit zwei Jahren erlebt Hisham den Fußball in Deutschland nun schon hautnah. Bei der TG Bessungen und dem SV Weiterstadt kann er dank „Willkommen im Fußball“ dienstags und donnerstags auch ohne Spielerpass und Mitgliedsbeitrag trainieren. Das von der DFL Stiftung initiierte Integrationsprogramm existiert seit Sommer 2015. Clubs der Bundesliga und 2. Bundesliga kooperieren mit Amateurvereinen und lokalen Organisationen. „Das Projekt hilft mir, mich in die Gesellschaft zu integrieren“, sagt Hisham. „Integrieren“, ein schwieriges Wort, das man ihm nach nur zwei Jahren in Deutschland kaum zugetraut hätte. Für Hisham hat es eine große Bedeutung. Er will sich möglichst schnell anpassen und einleben. „Willkommen im Fußball“ hilft ihm dabei.

ZIELSTREBIG: Hisham weiß, was er will und worauf es ankommt – beim Fußball im Merck-Stadion am Böllenfalltor und beim Deutschlernen in seiner Darmstädter Wohnung.

Hisham trägt ein grünes Funktionsshirt. Die Wände sind weiß, der Boden ist sauber. Draußen ist Sommer. Die dunkelgrünen Blätter der Bäume rascheln von einer leichten Brise, und es ist angenehm warm. Gedankenversunken blickt er nach rechts aus dem Fenster. „Es war kalt“, sagt er. Im Winter 2016 bricht er auf, um den Irak und die Angst hinter sich zu lassen. Sein Onkel begleitet ihn. Sie sind die Stärksten ihrer Familie, und auf körperliche Stärke kommt es an auf dieser Reise. Zehn Tage zu Fuß, per überfülltem Schlauchboot und mit dem Zug. „Ich hatte keine Kleidung zum Wechseln“, erinnert er sich. Dem mitteleuropäischen Winter ist seine irakische Warmwetterkleidung nicht gewachsen. „Im Irak ist es teilweise zwischen 40 und 50 Grad heiß“, sagt er. Auf seiner Reise hat er mit bis zu -10 Grad Celsius zu kämpfen. „Es war schwer auszuhalten.“

Auch mental verlangt die Reise Hisham vieles ab. Die Trennung von seinen Eltern und seiner Schwester schmerzt. Wann und ob er sie wiedersehen wird, weiß er nicht. Über WhatsApp hat er Kontakt zu ihnen. Die Trennung von seiner Familie, von Freunden und Bekannten ist das eine, seine Erlebnisse auf der Flucht das andere. Am meisten setzt ihm der schlechte gesundheitliche
Zustand einiger Kinder zu. „Sie mussten so viel Schlimmes erleben, sie hätten es besser verdient gehabt“, sagt er. Kälte, Trennungsschmerz und Elend zum Trotz: Über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich kommt Hisham bis nach Deutschland. „Gott sei gedankt, dass ich das geschafft habe“, sagt er keine zwei Jahre nach dieser Tortur in sehr gutem Deutsch.

Sie haben mir sehr geholfen, mich sprachlich zu verbessern.

Hisham Jameel

Zu Beginn seines neuen Lebens in Darmstadt lebt Hisham mit vier Deutschen in einer Wohngemeinschaft. „Sie haben mir sehr geholfen, mich sprachlich zu verbessern“, sagt er warmherzig lächelnd. Vormittags besucht er einen B2 Sprachkurs in einer Sprachschule. Sein Wortschatz ist beeindruckend. Probleme macht zunächst vor allem die Grammatik. Wann es welchen Artikel einzusetzen gilt, bleibt bis heute eine Herausforderung, die er aber immer besser meistert. Schnell hat er sich in Deutschland eingelebt. Das Essen, die Umgebung und die Menschen sind ihm vertraut. Statt Berührungsängsten hat er Freunde. Unter ihnen sind einige Araber, die seine Fluchthistorie teilen, und auch viele Deutsche. Nicht wenige hat er über „Willkommen im Fußball“ kennengelernt. Inzwischen hat er den Sprung in den regulären Vereinsfußball geschafft.

„Ich spiele bei Germania Eberstadt in der A-Liga.“ Hishams Augen funkeln. Fußball bedeutet ihm viel. Das Spiel an sich, der Kontakt zu anderen – Hisham lebt davon, braucht es wie die Luft zum Atmen. Auch abseits des Rasens und der Kreidelinien treibt ihn diese Leidenschaft für den Sport an. Auf einer Ausbildungsmesse des SV Darmstadt 98 knüpft er Kontakt zu einem lokalen Fitnessstudio. Im Februar 2018 gelingt das, was „Willkommen im Fußball“ neben Sport- und Sprachangeboten auch leisten möchte: Hilfe beim Einstieg in den Beruf oder das Ehrenamt. Hisham erhält einen Praktikumsplatz.

FREUNDLICHKEIT: Hisham lacht gerne, auch bei der Arbeit. Bei seiner Kundschaft im Fitnessstudio kommt das an, wie hier im Austausch mit Bogdan Diester (links) zu sehen ist.

„Ich habe zwei bis drei Wochen gebraucht, um eine gute Bewerbung zu schreiben“, erinnert er sich. Geflüchtete erhalten im Rahmen des Projektes Bewerbungstrainings, Hilfe bei Behördengängen und mit Formularen. Mit seiner positiven Ausstrahlung und seinem guten Deutsch kann Hisham bei seinem neuen Arbeitgeber punkten. „Als Mitarbeiter muss man freundlich und offen sein, die Leute mit einem Lächeln begrüßen“, sagt Hisham. Für ihn ist das kein Problem, weil es seinem Charakter entspricht. „Ich habe ihn als offenen jungen Mann kennengelernt, der Lust hat, sich hier einzuleben, anzukommen, Freunde zu finden und sein Leben selbst zu bestimmen“, sagt Jonathan Prinz, beim SV Darmstadt 98 verantwortlich für „Willkommen im Fußball“.

Viele sind auf einem guten Weg, aber Hisham können sich alle als Beispiel nehmen.

Jonathan Prinz, SV Darmstadt 98

Das Konzept von „Willkommen im Fußball“ geht auch auf die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung zurück, die bis heute als Projektträger fungiert. Finanziert wird es von der Bundesbeauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration und der DFL Stiftung, die auch den Anstoß zu „Willkommen im Fußball“ und die inzwischen bundesweit 23 Standorte gab. Hisham schätzt die guten Bedingungen, den gepflegten Platz, die sauberen Umkleiden und das professionelle Training. „Ein bisschen besser als im Irak“, sagt er grinsend. Er spielt im offensiven Mittelfeld, kommt gerne zum Abschluss. Das gelingt ihm auch beruflich. Für seinen Chef im Fitnessstudio ist Hisham ein Volltreffer. Er bietet dem 23-Jährigen einen Ausbildungsplatz an.

Hisham ist angekommen in seiner neuen Heimat, in seinem neuen Leben. „Ich habe mich gut in die Gesellschaft integriert“, sagt er. Dafür musste er einen langen Weg zurücklegen: vom Morgenland ins Abendland, von Mossul bis Darmstadt. Der Fußball hat ihn dabei begleitet und sein Leben entscheidend geprägt.

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