DAS WIR ALS GRUNDLAGE GUTER POLITIK - Tätigkeitsbericht 2018
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DAS WIR ALS GRUNDLAGE GUTER POLITIK

Von Prof. Dr. Michael Wolffsohn 

Ein Wunsch, der nie in Erfüllung gehen wird: das Ende von Vorurteilen von Menschen über und gegen Menschen. Vorurteile liegen in der Natur des Menschen. Ist deshalb jeder Kampf gegen Vorurteile vergeblich, weil aussichtslos? Nein, nein und nochmals nein.

Menschen sind lernfähig. Auf die Steuer- beziehungsweise Lenk- und Leitperson kommt es an. Steuermann oder -frau bist du, sind WIR, ist jeder von uns. Sowohl bezogen auf die Steuerung der eigenen Person als auch auf jene fremder Personen, also der Gesellschaft. So gesehen ist Politik nicht nur die Tätigkeit von Politikern. WIR bestimmen Politik mit, indem WIR gegen Vorurteile steuern und uns ihnen widersetzen.

Das klingt hochgestochen, ist es aber nicht. Es ist realistisch. Politik ist ein klassischer Steuerungsvorgang. In die eine oder andere Richtung. Regieren nannten schon die alten Römer „gubernare“. Sie ließen sich bei dieser Wortschöpfung von folgendem Bild leiten: Den Staat stellten sie sich als Schiff vor. Der „Gubernator“ war derjenige, der das Staatsschiff steuerte oder lenkte. Das Tätigkeitswort für die Aktivität des Gubernators heißt „gubernare“. Daraus wurde im Englischen „to govern“, im Französischen „gouverner“. Der Staatskapitän beziehungsweise Staatslenker war einst als Einzelperson gedacht. Das hat sich in der Menschheitsgeschichte geändert. Wir leben erfreulicherweise in einer Demokratie, also einer Volksherrschaft. Hier und dort verkümmert sie zum reinen Schlagwort, jammern viele und behaupten, dass „nur die da oben“, „die Politiker“, die Politik bestimmen. Darüber kannnund muss man streiten.

PROF. DR. MICHAEL WOLFFSOHN: Historiker und Publizist. 2017 war Prof. Dr. Michael Wolffsohn zudem Hochschullehrer des Jahres. Als Autor hat er u.a. folgende Bücher verfasst: "Friedenskanzler? Willy Brandt zwischen Krieg und Terror", "Deutschjüdische Glückskinder. Eine Weltgeschichte meiner Familie", "Zivilcourage. Wie Staat seine Bürger im Stich lässt", "Zum Weltfrieden. Ein politischer Entwurf".

Man kann sich zum Beispiel nicht darüber beklagen, dass „die Politiker“ nichts gegen Vorurteile unternehmen, wenn man nicht selbst die Ärmel hochkrempelt und mitmacht. Eine Demokratie ohne aktive Bürger ist nur auf dem Papier eine Demokratie, in der dann tatsächlich nur „die da oben“ steuern. Daraus folgt: Bürger, die sich am Kampf gegen Vorurteile beteiligen, machen Politik. Sie machen aus der Demokratie auf dem Papier eine Demokratie der Bürgertat.

Jedes Ich ist schwächer als das Wir. Einer allein kann zwar das eine oder andere ansteuern und sogar erreichen, bleibt aber letztlich immer schwächer als eine Gruppe, eine Gemeinschaft oder eine große Masse. Masse erzeugt Druck. Nicht nur in der Physik. Das gilt auch für die „Psychologie der Massen“ (Gustave Le Bon).

Wenn sich vorurteilsfreie Menschen in einer Masse vorurteilsbeladener Menschen befinden, benötigen sie Bekennermut, um „Nein zu Vorurteilen“ zu sagen.

Konkret auf den Kampf gegen Vorurteile bezogen: Wenn sich vorurteilsfreie Menschen in einer Masse vorurteilsbeladener Menschen befinden, benötigen sie Bekennermut, um „Nein zu Vorurteilen“ zu sagen. Bekennermut ist eine vielbesungene, doch eher seltene Tugend. Noch brenzliger wird es in der Umgebung einer Masse nicht nur vorurteilsbeladener, sondern zugleich nachweislich gewaltbereiter Menschen. Hier benötigen die Kämpfer gegen Vorurteile nicht nur Bekenner-, sondern sogar Heldenmut. Wer ist schon ein Held?

Heutzutage gibt es auch in Deutschland leider immer noch oder schon wieder Menschenmassen mit Vorurteilen gegen dies und das, gegen diese und jenen. Mit Vorurteilen gegen Fremde, Migranten, Juden, Muslime, „die“ Kirche, Schwarze, Asiaten, Schwule, Lesben oder Transgender, „die Rechten“, „die Linken“, gegen einen Fußballclub und so weiter. Dabei wird nicht die Vielschichtigkeit des Einzelmenschen, einer Gruppe oder eines Vereins betrachtet und bewertet, sondern pauschal und ohne jede Unterscheidung eine Gesamtheit. Das ist nicht nur unmoralisch, sondern auch dumm, weil falsch.

Wenn Einzelne das ändern möchten, dringen sie kaum durch. Schlimmer noch: Sie werden von ihrer Umgebung isoliert, boykottiert oder auch attackiert. Wenn die Kämpfer gegen Vorurteile jedoch Teil einer großen Menge oder gar großen Masse sind, fühlen sich die Vorurteilsbeladenen schwach. Sie trauen sich nicht aus der Deckung. Sie spüren die Verachtung der anderen. Sie erkennen, dass sie eine chancenlose Minderheit sind.

Die traditionellen Führungspersonen, Organisationen, Institutionen und Volksparteien, ja sogar die Kirchen haben ihre Autorität und damit ihre Steuerungskraft weitgehend verloren. Die Massen sind ihnen, aus welchen Gründen auch immer, davongelaufen. Ganz anders beim Fußball. Dieser Volkssport Nummer eins mobilisiert und begeistert national und international Millionen Menschen. Das ist einerseits ein fabelhafter Erfolg, zugleich aber eine enorme gesellschaftliche Verantwortung.

Besonders die DFL und die DFL Stiftung haben diese Verantwortung erkannt, angenommen und – nicht nur – mit der Kampagne „Strich durch Vorurteile“ benannt. Sie haben sich zu dieser Riesenverantwortung immer wieder erfolgreich bekannt und es nicht bei Worten belassen. Den Worten folgten Taten, basierend auf eindrucksvollem ideellen sowie materiellen Einsatz. Das ist vorbildliche Steuerung, also Politik.

Ohne die begeisterten Fußballanhänger, die Massen, die ins Stadion strömen und aktiv Zeichen gegen Vorurteile setzen, wäre diese vorbildliche Politik nicht möglich. Jeder Einzelne in und aus dieser Masse macht diese Politik mit, angestoßen von der DFL Stiftung. Eben nicht nur „die da oben“ aus der Politik. „Strich durch Vorurteile“ hat Millionen Menschen erreicht. Viele haben mitgemacht. Das Ich wird so zur Masse, Macht und Moral, ohne dass das eigene Ich aufgegeben wird. Das ist der Geist der Freiheit und der Geist für die Freiheit – für mehr Menschlichkeit.

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